Über das Tragen

Der Kinderwagen wurde etwa vor 200 Jahren erfunden. Ab etwa dem 14 Jahrhundert nutzte man gelegentlich schon schubkarrenartige Wagen zum Transport von Kindern. In den Millionen Jahren davor wurden die Kinder von ihren Eltern getragen. Tragen ist also keine Modeerscheinung und kein Trend - Tragen ist die natürlichste Weise wie ein Mensch seine Nachkommen transportieren kann.

Der Mensch als Produkt der Evolution

Durch erfolgreiche Anpassungen (Mutationen) konnte der Mensch sich so entwickeln wie er am besten in der Lage war am Leben zu bleiben. Diese Gene vererbte er seinen Nachkommen weiter und nun stehen wir hier. Das hat natürlich einige 100000 Jahre gedauert. Aber in diesen Jahrtausenden wurde das Modell Mensch immer "besser" und überlebensfähiger. Und wenn wir uns anschauen was dabei herausgekommen ist, wird deutlich, dass sich der Mensch an das Getragenwerden im Babyalter angepasst hat:

Klammerreflex: Wird dem Neugeborenen beispielsweise der kleine Finger in die Hand gelegt, greift es fest zu. Das klappt auch an den Zehen und sogar, wenn das Baby schläft. Dieser Reflex ermöglichte es den Babies unserer Ahnen sich im Fell der Mutter festzuklammern, während sie unterwegs war und das Kind trug. Zwar haben wir heute keine so ausgeprägte Körperbehaarung mehr, aber der Reflex ist geblieben, weil er sich damals bewährt hat.

Moro-Reflex: Hast du schon einmal ein Neugeborenes beobachtet, wenn es erschrickt? Die kleinen Ärmchen schnellen nach vorn als würde es versuchen etwas zu umarmen. Dieser Reflex bewahrte die Babies davor beim Getragenwerden von der Mutter herunterzufallen. Bei einem Sprung zum nächsten Ast greift das Baby nocheinmal ordentlich nach, um nicht abzustürzen. Auch diesen Reflex gibt es heute noch.

Kontaktweinen: Das Kontaktweinen ist der Reflex der am häufigsten mit "Verwöhntsein" verwechselt wird. Lässt man ein Baby allein, fängt es sehr bald an zu weinen. Auch hier bringt ein Blick in die Vergangenenheit mehr Klarheit. Für ein Baby existiert ein Gegenstand oder eine Person, die aus seinem Gesichtsfeld verschwindet bzw. nicht mehr wahrnehmbar ist, nicht mehr. Sind die Bezugspersonen außer Sicht-, Riech-, Hör- oder Fühlweite, sind sie für den Verstand des Babys nicht existent. Aber ein einsames Baby ist leichte Beute für Hyänan oder andere Raubtiere. Durch das Weinen macht es auf sich aufmerksam und sichert sein Überleben. Weinende Babies wollen niemanden tyrannisieren, sie haben Todesangst. Ein Baby will, darf und sollte nicht allein sein.

Anatomie der Babyhüfte: Die Hüftgelenke eines Babys und die eines Kindes/Erwachsenen sind unterschiedlich. Beim Baby sind die Hüftgelenke eher nach vorn orientiert, wodurch das Baby seine Beine (im Gegensatz zum Kind/ Erwachsenen) nicht nach hinten bewegen kann. Der Bewegungsspeilraum ist auf die vordere Körperhälte beschränkt, sogar so, dass die Oberschenkel des Babys nicht einmal die Unterlage berühren, wenn es flach liegt. Beobachtet man Babies beim Spielen, wird dies an der Haltung ihrer Beinchen deutlich. Diese sind angezogen und leicht gespreizt. Diese angehockte Position die die Babybeinchen einnehmen, wenn der Oberschenkelkopf am besten in der Hüpfpfanne sitzt wird auch beim Tragen auf der mütterlichen Hüfte eingenommen - das kann kein Zufall sein.

gerundeter Babyrücken: Im Mutterleib ist das Baby quasi zusammengerollt und die Wirbelsäule ist gerundet (Totalkyphose). Dies ändert sich natürlich nicht plötzlich im Moment der Geburt. Bis das Kind allein läuft ist die Wirbelsäule noch gerundet bzw. teilweise gerundet und erst im Teenageralter ist die Ausreifung komplett abgeschlossen. Diese gerundete Haltung ist also eine für dieses Alter entsprechende physiologische Haltung, die für das Baby weder anstrengend noch ungünstig ist. Durch die stärker werdende Muskulatur entwickelt sich die Wirbelsäule des Kindes auch immer weiter hin zur s-förmigen Wirbelsäule die Erwachsene haben.Heißt auch, dass das Liegen auf einem flachen Untergrund nicht so entspannend ist wie es scheint, da sich das Baby ständig anstrengen und auf das Liegen konzentrieren muss.


Die Anatomie des Säuglings deutet ebenfalls daraufhin, dass er getragen werden soll. Neugeborene haben nämlich einander zugewandte Fußsohlen und O-Beine. So können sie sich wunderbar um Mamas Hüften schlingen und passen sich gut an.


Aber auch die Anatomie der Mutter hat sich so verändert, dass sie das Tragen begünstigt. Durch den aufrechten Gang hat sich das Becken den Frau so verändert, dass das Baby bei der Geburt noch hindurchpasst. Gleichzeitig entstand durch diese Verbreiterung ein wunderbarar "Sitz" für das Baby, sodass Mutter und Kind beim Tragen wie Schlüssel und Schloss zusammen passen.

Der Dschungel der Tragehilfen

Tragetuch, elastisches Tuch, MeiTai, Halfbuckle, Fullbuckle, Hybridtrage......da blickt man doch nicht mehr durch. Hier eine - hoffentlich hilfreiche - Übersicht.

Tragehilfen Überblick

Tragetuch
Ein Tragetuch ist ein gewebtes Stück Stoff. Es ist weder längs- noch querelastisch, aber diagonalelastisch. Die meisten Tragetücher haben abgeschrägte Enden, um das Knoten zu erleichtern. Die Tuchkanten sind doppelt umgenäht. Bei den Webarten unterscheidet man zwischen Leinwandbindung, Köperbindungen, Atlasbindungen und Jacquardgeweben. Die meisten Tücher sind mit einer Köperbindung oder als Jacquardgewebe gewebt. Gewebte Tragetücher können ab Geburt bis zum Ende der Tragzeit verwendet werden. Es gibt sie in verschiedenen Längen, Farben, Mustern, Motiven und es gibt unheimlich viele Möglichkeiten sie zu binden. Zudem eigenen sie sich gut als Hängematte oder Schaukelsitz.

Tragetücher gibts es zum Beispiel von: Didymos, Hoppediz, Girasol, Storchenwiege, Fidella, Kokadi, Yaro, Wauggl Bauggl, Lenny Lamb, Kindsknopf, Amazonas, Neisna,....
elastisches Tragetuch
Ein elastisches Tragetuch (auch Jerseytragetuch) ist nicht gewebt, sondern gestrickt. Dadurch entsteht die Elastizität und das Tuch ähnelt einem T-Shirt. Elastische Tragetücher eigenen sich besonders für Neugeborene und Frühchen (wenn sie nicht hypoton sind), sind aber ab einem bestimmten Gewicht nicht mehr bequem.

Elastische Tragetücher gibts es zum Beispiel von: JPMBB, manduca, Hoppediz, Didymos, Mody...
Ringsling
Ein Ringsling ist ein kurzes Tragetuch, welches mit 2 Ringen versehen ist. Diese sind fest vernäht und fungieren als Schnalle. Ein Ringsling ist eine gute Wahl, wenn es mal schnell gehen muss. Er eignet sich besonders gut für das Tragen auf der Hüfte und kann ab Geburt eingesetzt werden.

Ringslings gibts es zum Beispiel von: Didymos, Hoppediz, Amazonas, Fidella, Kokadi.....
Wrap Conversion
Wrap ist das englische Wort für Tragetuch, Conversion kommt ebenfalls aus dem Englischen und heißt so viel wie Verwandlung, Umbau, Umformung. Eine Wrap Conversion ist somit nichts anderes als eine Tragehilfe, die aus "Tragetuchstoff" besteht. Oft erkennt man Wrap Conversions an den breiten Schulterträgern, mit einer halben Tragetuchbreite.
Mei Tai
Die Mei Tai ist ursprünglich eine asiatische Tragehilfe. Sie besteht aus einem Stoffviereck und daran vernähten Bändern. Das Baby wird von dem Stoffviereck (Rückenpaneel) gehalten, die Bänder werden um die Hüfte und über die Schultern des Tragenden gebunden. Eigentlich ist eine Mei Tai eine Rückentrage. Mei Tais sind sehr flexibel und eigenen sich deshalb auch gut für Elternpaare mit auffälligem Größenunterschied. Alle anderen Traghilfen sind abgewandelte Mei Tais. Mei Tais eigenen sich ab Geburt, wenn der Steg in der Breite passt. Viele Modelle bieten einen stufenlos verstellbaren Steg, sodass die Mei Tai von Geburt an passt und lange verwendet werden kann. Es gibt Mei Tais mit gepolsterten Hüftgurten und/oder gepolsterten Schultergurten.

Beispiele für Mei Tais sind: Didymos DidyTai, Fidella FlyTai, Hoopediz HoyTye und HopTye Conversion, Girasol Mysol
Halfbuckle
Ein Halfbuckle ist im Grunde eine Mei Tai. Bei einer Mei Tai gibt es zwei Bindebänder. Buckle ist das englische Wort für Schnalle. Halfbuckle bedeutet soviel wie: "Die Hälfte der Bänder (also eines) wird mit einer Schnalle geschlossen". Ein Halfbuckle ist somit nichts anderes als eine Mei Tai bei der der Hüftgurt mit einer Schnalle verschlossen wird.

Beispiele für Halfbuckles sind: Didymos DidyKlick, Kokadi TaiTai, Frl. Hübsch Mei Tai, Hoppediz Bondolino, Storchenwiege Baby Carrier
Fullbuckle
Ein Fullbuckle ist im Grunde eine Mei Tai. Bei einer Mei Tai gibt es zwei Bindebänder. Buckle ist das englische Wort für Schnalle. Fullbuckle bedeutet soviel wie: "Alle Bänder werden mit einer Schnalle geschlossen". Ein Fullbuckle ist somit nichts anderes als eine Mei Tai bei der der Hüftgurt und die Schulterbänder mit einer Schnalle befestigt sind.

Beispiele für Fullbuckles sind: Fidella Fusion, Huckepack Fullbuckle, Kokadi Flip, Buzzidil.....
Komforttrage
Eine Komforttrage ist einen Schnallentrage. Im Gegensatz zum Fullbuckle werden die Schulterbänder nicht am Hüftgurt befestigt, sondern am Rückenpaneel. Allerdings wird selten zwischen Fullbuckle und Komforttrage unterschieden.

Beispiele für Komforttragen sind: Manduca, Ergo Baby Carrier, Ruckeli, Buzzidil, Lenny Lamb Up,....
Podaegi
Ein Podaegi ist ebenfalls eine asiatische Tragehilfe. Er besteht aus einem rechteckigen Stoffstück und angenähten Schulterbändern. Ein Podaegi besitzt keinen Hüftgurt. Der Halt des Babys unter dem Po wird durch das Binden der Schulterbänder erreicht.

Beispiele für Podaegis sind: Fidella Podaegi, Huckepack Podaegi,....
Onbuhimo
Ein Onbuhimo (kurz Onbu) ist quasi ein Fullbuckle ohne Hüftgurt. Er eignet sich dadurch beispielsweise für schwangere Tragemamas.

Beispiele für Onbus sind: Fidella Onbuhimo, Lenny Lamb Onbuhimo, Huckepack Onbuhimo, Buzzidil Buzzibu

Bindeweisen

Bindeweise mit einem gewebten Tuch, ab Geburt geeignet, Tragetuchgröße 6

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eine Variation der Wickelkreuztrage für das gewebten Tuch, speziell auf das elastische Tragetuch abgestimmt, ab Geburt geeignet

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Bindeweise mit einem gewebten Tuch, ab Geburt geeignet, Tragetuchgröße 4

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Bindeweise mit einem gewebten Tuch, Tragetuchgröße 2

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Bindeweise mit einem gewebten Tuch, ab Geburt geeignet, Tragetuchgröße 2

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ab Geburt geeignet

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Bindeweise mit einem gewebten Tuch, ab Geburt geeignet, Tragetuchgröße 4

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Vorteile des Tragens und Getragenwerdens

Tragen ist für ein Baby gut, weil....

  • ...es jederzeit weiß, dass es sicher und geborgen ist.
  • ...Tragen sich sehr positiv auf die Reifung der kindlichen Hüfte auswirkt. Die Anhock-Spreiz-Haltung ist optimal für die kleinen Babyhüften
  • ...Tragen das natürliche Bedürfnis nach Nähe und Sicherheit stillt.
  • ....getragene Kinder nachweislich seltern weinen.
  • ....es den Alltag der Eltern "auf Augenhöhe" miterleben kann und am Leben teilnimmt.
  • ....es durch die ständige Stimulation aller Sinne besser lernt.
  • .... es in ständiger Kommunikation mit den Tragenden ist und diese somit feinfühliger auf das Baby reagieren.
  • ...durch das Tragen einer lagerungsbedingte Plagiocephalie (Abplattung des Schädels) vorbgeeugt wird.
  • ...die Bewegung und Wärme wie eine wohltuende Massage wirkt und bei Bauchschmerzen hilft.
  • ...sich in aufrechter Position und durch ständige Bewegung besser aufstoßen lässt.
  • ....durch das Tragen der Gleichgewichtssinn des Babys trainiert wird, sodass getragene Babies nicht selten motorisch den nicht-getragenen Kindern überlegen sind.

Tragen tut den Eltern gut, weil....

  • ...ihr jederzeit wisst, dass das Baby sicher und geborgen ist.
  • ...ihr die Hände frei habt und euch so um Geschwisterkinder, Familienmitglieder oder den Haushalt kümmern könnt.
  • ....ihr weiterhin in unwegsamem Gelände spazieren oder wandern könnt.
  • ...ihr euch kein neues Auto anschaffen müsst in das der Kinderwagen passt.
  • ...es die Bindung zu euerm Baby stärkt.
  • ....ihr während des Tragens auch etwas für euern Körper tut. Die Rückenmuskulatur wird gestärkt und die Haltung verbessert sich.
  • ...ihr euch wie Supermom/Superdad fühlen werdet, wenn das Baby in sekundenschnell an eurer Brust zur Ruhe kommt und friedlich einschläft.